Christus-Gemeinde Biedenkopf
Christus-Gemeinde Biedenkopf

Befreiung durch Vergebung

Günther Weigel

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

in Matthäus 6, Vers 12 lesen wir: „...und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben haben, die an uns schuldig geworden sind.“ In diesen Versen liegt so viel Befreiung. Doch wie oft erleben wir das nicht. Denn wir sind Meister im Ignorieren, Schön­reden, Abschieben und Gewissen totschlagen.

 

Es gibt Dinge in unserem Leben, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Dinge, die sich nicht einfach verschweigen, verdrängen oder abschütteln lassen. Jeder Mensch hat eine Vergangenheit, die sich nicht abstreifen lässt, uns sozusagen verfolgt. Sie ist ein Stück von uns. Und nicht an alles wollen wir erinnert werden und denken nur mit Unbehagen daran.

Kein Mensch kann sich seine Schuld selbst erlassen. Doch welche Folgen hat das! Schuld kann sich in körperlichen Krankheiten bemerkbar machen. Ebenso psychische Folgen bis hin zu Depressionen und Psychosen sind möglich. Verborgen gehaltene Schuld führt in die Vereinsamung, macht unfähig zu echter, offener Gemeinschaft, wie Psalm 32, Vers 3 berichtet: „Als ich mich weigerte, meine Schuld zu bekennen, war ich schwach und elend, dass ich den ganzen Tag nur noch stöhnte und jammerte.“

Schuld hat aber nicht nur Auswirkungen auf unsere menschlichen Beziehungen, sondern auch auf unsere Beziehung zu Gott. Was sich gegen Menschen richtet, betrifft auch Gott. So hat unser Leben immer einen horizontalen, aber auch einen vertikalen Aspekt. Schuld ist der Abbruch einer Beziehungsbrücke. Der biblische Begriff Sünde bedeutet „Zielverfehlung“. Da geht es also um die ganze Ausrichtung meines Lebens, nicht um einzelne Verhaltensweisen, die nicht in Ordnung sind. Denn diese sind oft die Folge der falschen Ausrichtung.

 

Schuld ist wie unbeglichene Rechnungen. Wir bleiben den Menschen in unserer Umgebung etwas schuldig. Dem Ehepartner, der etwas von uns wollte. Oder dem Arbeitskollegen, über den ich schlecht gesprochen habe.

 

Es gab und gibt die unterschiedlichsten Versuche der Menschen, ihre Schuld in den Griff zu bekommen: Einige verweisen auf Gene und Veranlagungen. Andere verharmlosen sie, weil es doch alle so machen würden. Wieder andere versuchen, durch gute Werke ihre Schuld aufzuwiegen. Aber all dies hilft nicht. Nur in der Hinwendung zu Gott kann Schuld bewältigt werden – es gibt keine Vergebung ohne Gott! Er hat einen Retter geschickt, der uns aus dem Gefängnis der Schuld befreien kann. Im 1. Johannesbrief steht im Kapitel 1, Vers 9: „Doch wenn wir ihm unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns vergibt und uns von allem Bösen reinigt.“

Die Befreiungsaktion Gottes fand ihren Höhepunkt am Kreuz. Dort starb Jesus für unsere Schuld, für unsere Sünde. Gott sagt nein zur Schuld, sie muss beglichen werden. Aber er sagt ja zum Menschen. Jesus bezahlte die Rechnung für uns, die wir nicht bezahlen konnten. Er hat unsere Zielverfehlung korrigiert. Die einzige Art, wie Schuld beglichen werden kann, ist die Vergebung!

 

Aber Matthäus 6, Vers 12 hat noch einen zweiten Teil: Vergib uns... – wie auch wir denen vergeben haben, die an uns schuldig geworden sind. Heißt das, dass Gott uns nicht vergibt, wenn wir anderen nicht vergeben? Genau so sagt uns das die Bibel. Gott versetzt uns durch seine Liebe in die Lage, auch anderen zu vergeben. Zuerst kommt immer Gottes Liebe, Gottes Handeln. Aber dann bin ich gefragt – zu lieben, zu vergeben, zu handeln.

 

Wenn ich meinen Hass, meine Bitterkeit und meine Verletzungen nicht loslassen kann und deshalb nicht vergebe, dann hat das Folgen für mich. Aber Gottes vergebende Liebe will mich auch dann verändern, sodass sie Auswirkungen in meinem Leben hat.

 

Wenn ich spüre, dass ich einem Menschen nicht vergeben kann, ist das ein Hinweis darauf, dass die Liebe Gottes in mir nicht in vollem Maß zum Zuge gekommen ist und noch weiter entwickelt werden muss. Ja, jemandem zu vergeben kann ein geistlicher Kampf sein. Wenn wir nicht können oder nicht wollen, dann müssen wir es lernen. Denn Vergebung beginnt mit einer Willensentscheidung, die jedem Gefühl widerspricht.

Jemandem zu vergeben bedeutet, dass eine Sache erledigt ist. Jesus will, dass unsere Vergebung vollständig ist. Wir sollen unserem Nächsten nicht nur sieben Mal, sondern wie Jesus sagt „siebzig mal sieben mal“ vergeben – sprich: Grenzenlos, immer wieder.

 

Vergebung ist in unserem Leben so wichtig. Sie soll zeigen, dass die Liebe Gottes Oberhand behält. Nir­gends wird Gottes Liebe so deut­lich, wie darin, wenn wir anderen vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Weil Jesus die große Brücke der Vergebung zu uns geschlagen hat, können auch wir die kleinen Brücken zu unseren Mitmenschen schlagen. Eben nicht so, wie es alle tun: „Wie du mir, so ich dir“, sondern „Wie Gott mir, so ich dir“!

 

Warum nicht in diesem Jahr endlich ernst machen mit Vergebung? Sowohl darin, Jesu Vergebung anzunehmen als auch darin, anderen Menschen zu vergeben und Befreiung zu empfangen.

 

Herzlichst, Ihr

 

Günther Weigel